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PRENNINGER KREIS

 

Herbert Eichholzer
Herbert Eichholzer
Architekt (1903 – 1943)

Axl Leskoschek
Axl Leskoschek
Maler und Grafiker (1889 – 1976)

Anna Lülja Praun
Anna-Lülja Praun
Architektin und Designerin (1906 – 2004)

Walter Ritter
Walter Ritter
Bildhauer (1904 – 1986)

Kurt Neumann

Kurt Neumann
Redakteur – Schauspieler – Drehbuchautor (1902 – 1984)


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DER PRENNINGER KREIS

 

Herbert Eichholzer
Architekt (1903 – 1943)


Herbert Eichholzer studierte in Graz Architektur. Von einem Paris Aufenthalt bei Le Corbusier stark beeindruckt, schuf er in Graz und der Obersteiermark in den 30er Jahren eine Reihe von Bauten, die ihn zu einem der der wenigen konsequenten Vertreter des "Internationalen Stils" in der österreichischen Architektur machten. Als Vizepräsident der Sezession Graz war er zudem federführend bei den kollektiven künstlerischen Projekten der Sezession. Eingeladen von der Familie Feuerlöscher verbrachten Herbert Eichholzer ab 1933 mit seiner damaligen Partnerin, der Architektin Anna-Lülja Simidoff (Praun), Axl Leskoschek und Walter Ritter viele Wochenenden in Prenning. Nach dem Bürgerkrieg 1934 werden Herbert Eichholzer und Axl Leskoschek wegen ihrer Beteiligung auf der Seite der Sozialisten inhaftiert. Trotzdem setzten sie ihren Widerstand nach der Enthaftung fort. 1935 sind Herbert Eichholzer, der Bruder von Lilli und Anna Feuerlöscher, Herbert, und Walter Ritter Gründungsmitglieder des Kulturvereins „Grazer Stadtclub“, der ab 1936 als linker antinationalsozialistischer Flügel innerhalb der „Sezession Graz“ fungiert, damals der wichtigsten Künstlervereinigung der steirischen Moderne. Trotz der schwierigen politischen Verhältnisse entstehen wichtige Bauten Eichholzers und auch das Holzspielzeug „Klump“, das er mit Walter Ritter und Anna Neumann entwickelte und das heute wieder produziert wird. 1938 flüchtet Eichholzer in die Türkei, wo er mit Herbert Feuerlöscher zusammentrifft. Eichholzer tritt mit dem kommunistischen Widerstand in Verbindung und kehrt 1940 nach Österreich zurück, um Widerstandsgruppen zu koordinieren bzw. wieder aufzubauen. Er lebt nach seiner tollkühnen Rückkehr mit Anna Feuerlöscher, die ihm auch hilft, unter den Eisenbahnern der Übelbachbahn eine Widerstandsgruppe aufzubauen. Unter anderem entsteht damals das einzige in Österreich erhaltene Flugblatt gegen die Morde an Geisteskranken und Alten durch das „Euthanasieprogramm“ der Nationalsozialisten. Durch Verrat werden Eichholzer und Anna Feuerlöscher mit vielen anderen verhaftet. Eichholzer wird 1943 wegen „Hochverrates“ hingerichtet.


Axl Leskoschek
Maler und Grafiker (1889 – 1976)


Axl Leskoschek war der Sohn eines Feldmarschallleutnants und promovierter Jurist. Die Schrecken des 1. Weltkriegs und der moralische Bankrott der Monarchie bewogen ihn zum Bruch mit Familientradition und geplanter Justizkarriere. Schon während des Krieges hatte er gezeichnet, ab 1919 studierte er Malerei und Grafik. 1923 ist er Gründungsmitglied der Sezession Graz und hat bald erste künstlerische Erfolge, vor allem mit Buchillustrationen, die seine existenzielle Basis werden sollten. Als Redakteur beim „Arbeiterwillen“, der Tageszeitung der steirischen Sozialdemokraten, und als Mitglied des Schutzbundes beteiligte er sich am Arbeiteraufstand im Februar 1934. Während seiner Haft 1936/37 im Anhaltelager Wöllersdorf malte er eine umfangreiche Folge allegorischer Blätter in expressiv-surrealem Stil, die zu den bedeutenden Manifestationen widerständiger Kunst in Österreich zählen. 1938 flüchtete Axl Leskoschek vor den Nationalsozialisten in die Schweiz. Weil er unter einem Pseudonym seinen publizistischen Kampf gegen den NS-Staat weiterführte, war er von der Abschiebung bedroht und ging 1940 ins Exil nach Brasilien. Hier wurde er mit sozialkritischen Pochoirs und Buchillustrationen bekannt und leistete als Professor einer Kunstschule einen bis heute unvergessenen Beitrag zur Entwicklung der modernen Grafik in Brasilien. 1948 kehrte er auf Einladung Viktor Matejkas nach Österreich zurück. Eine Professur an der Wiener Akademie, die ihm in Aussicht gestellt worden war, erhielt er nicht. In der Zeit des Kalten Krieges trat er als Kunstkritiker der kommunistischen Tageszeitung in Wien für den Realismus ein, das brachte ihn in eine Gegenposition zu den Protagonisten des Aufbruchs der österreichischen Kunst nach dem Krieg. Lange wurde sein Werk offiziell kaum beachtet, erst mit seinem Odysseus- und dem Kain-Zyklus erlangte er durch internationale Ausstellungen in den 60er-Jahren eine gewisse Bekanntheit als Vertreter politisch engagierter Kunst. Trotz seiner Bedeutung als Illustrator und eines umfangreichen Werkes an Ölbildern und Aquarellen wurde er erst 1971 in der Neuen Galerie in Graz und 1974 in der Albertina ausgestellt. Heute gilt er als einer der Hauptvertreter der steirischen Kunst der Zwischenkriegszeit.


Anna-Lülja Praun
Architektin und Designerin (1906 – 2004)


1906 wurde Anna-Lülja Simidoff in St. Petersburg geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in Bulgarien. Nach dem Abitur 1924 ging sie nach Graz und studierte als eine der ersten Frauen in Österreich Architektur. Hier lernte sie auch den Architekten Herbert Eichholzer kennen und wurde seine Freundin. Von 1930 bis 1936 arbeitete sie in seinem Atelier und entwarf eine Reihe von Möbeln. 1936 beteiligte sie sich mit Eichholzer am Wettbewerb "Das künstlerische Antlitz der Strasse" bei der Ausgestaltung der Packer Bundesstraße. Sie war oft bei den Feuerlöschers in Prenning zu Gast und gehörte zum engen Freundeskreis. Nach der Trennung von Herbert Eichholzer 1937 arbeitete sie im Atelier von Clemens Holzmeister. Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1938 wurde Anna-Lülja Praun von der Gestapo verhaftet, jedoch nach ergebnislosen Verhören wieder auf freien Fuß gesetzt. Die ersten Kriegsjahre verbrachte sie in Frankreich und Bulgarien. Herbert Eichholzer besuchte sie in Sofia, als er von Istanbul auf dem Weg nach Graz war, um hier den illegalen Widerstand zu organisieren. 1942 kehrte sie nach Wien zurück. 1952 gründete sie ein eigenes Büro. Wesentliche Anregungen erfuhr sie durch die berühmte englische Architektin Eileen Gray und den Wiener Architekten Josef Frank. Unter der selbst gesetzten Maxime, dass „die Gültigkeit der Form solange währen muss, wie das Material hält“, zeichnen sich ihre Entwürfe durch Materialgerechtigkeit, höchste Qualität in der Ausführung und eine stringente Gestaltung aus. 1981 wurde die Architektin mit dem Preis der Stadt Wien für angewandte Kunst geehrt. Anna-Lülja Praun starb am 28. September 2004.


Walter Ritter
Bildhauer (1904 – 1986)


Der Bildhauer Walter Ritter war häufig Gast der Familie Feuerlöscher in Prenning bei Übelbach und mit Herbert Eichholzer eng befreundet. Die Zeitzeugin Christa Mayr-Rieckh berichtete, dass er ihr erzählte, dass der Freundeskreis in den dreißiger Jahren dort in der Art einer „Kommune“ lebte. Walter Ritter wurde Mitglied der Sezession Graz, als diese - u.a. wegen der Teilnahme seiner Freunde Herbert Eichholzer und Axl Leskoschek am Aufstand im Februar 1934 - von der Auflösung bedroht war. Als Gründungsmitglied des Kulturvereins „Grazer Stadtclub“, der von den Nationalsozialisten besonders verfolgt wurde, flüchtete er nach der Besetzung Österreichs im Jahr 1938 aus dem Anschluss begeisterten Graz zu einer Freundin nach Berlin. Obwohl sein Antrag auf Aufnahme in die Reichskulturkammer von der Kreisleitung der NSDAP Graz-Stadt abgelehnt wurde, da er „der kulturbolschewistischen Richtung angehörte“, wurde er im Herbst 1939 in Berlin aufgenommen. Er kehrte Ende 1939 nach Graz zurück und nahm ab März 1940 an den Treffen mit Herbert Eichholzer teil, der aus dem Exil in der Türkei zurückgekehrt war, um den kommunistischen Widerstand zu koordinieren. Doch bereits im Mai 1940 wird er zwangsrekrutiert und kehrt erst 1946 aus der Gefangenschaft zurück. Er wirkte in Österreich als erfolgreicher Bildhauer und Professor an der Linzer Kunstgewerbeschule.


Kurt Neumann
Redakteur – Schauspieler – Drehbuchautor (1902 – 1984)


Kurt Neumann, am 7. Juli 1902 in Judenburg geboren, war in erster Ehe mit Anny Feuerlöscher (1905-1977) verheiratet. Während der Zwischenkriegszeit war er Initiator sowie Mitglied des widerständigen Prenninger Kreises – mit Axl Leskoschek, Herbert Eichholzer, den Brüdern Fischer, Walter Ritter u. a. –, der sich im Landhaus der Familie Feuerlöscher traf. Von 1932 bis 1934 arbeitete Neumann als Redakteur und zeitweise als stellvertretender Herausgeber für die sozialdemokratische Zeitung “Arbeiterwille” in Graz und engagierte sich während der Februarkämpfe 1934 für die Demokratie. Nach seiner Inhaftierung emigrierte Neumann 1934 zunächst über Prag nach Paris, später kehrte er in die Steiermark zurück. Durch seine antifaschistischen Aktivitäten exponiert, musste er Österreich 1938 verlassen. Sein Fluchtweg führte nach Frankreich, wo er mit Herbert Eichholzer in Paris u. a. an einem illegalen Sender mitarbeitete. Nach Kriegsausbruch wurde Neumann als “feindlicher Ausländer” interniert und in einem Lager in der Normandie festgehalten. Dort schrieb er einen umfangreichen Roman über den Kampf gegen den aufsteigenden Faschismus in der Steiermark. Für dessen Hauptfigur – Peter Wendel – dienten ihm viele Ereignisse aus dem Leben Herbert Eichholzers als Vorbild. Eine zionistische Organisation verhalf Kurt Neumann zur Einreise in die Vereinigten Staaten. Auf dem Schiff, das ihn über den Atlantik brachte, war der Steirer der einzige nichtjüdische Passagier. Sein Fluchtziel: Los Angeles. In den USA setzte Neumann seine journalistische Tätigkeit fort und publizierte unter dem Pseudonym Walter Traun. In zweiter Ehe heiratet er Jane Scott, die Schwester des Drehbuchautors Allan Scott. Im Mai 1943 assistierte er zusammen mit Hermann Rauschning dem Autorenpaar Albert Hackett und Frances Goodrich bei der Drehbuchvorlage für den Anti-Nazi-Film “The Hitler Gang” (Paramount), der den Aufstieg des „Führers“ thematisiert. Unter seinem bürgerlichen Namen glückte Kurt Neumann in Hollywood zwischen 1943 und 1946 zudem eine bescheidene Karriere als Nebendarsteller. Nach dem Krieg heiratete Neumann in dritter Ehe die kroatische Primaballerina, Choreografin und Tanzpädagogin Mia Cˇorak Slavenska (1916-2002). Dieser Ehe entstammt die Tochter Maria (*1947). Obwohl Vertreter Österreichs Neumann zur Rückkehr und zur Mitarbeit am Wiederaufbau seines Heimatlandes bewegen wollten und obgleich seine US-Einbürgerung während der McCarthy-Ära jahrelang hinausgeschoben worden war, zog er es vor, in den Vereinigten Staaten zu bleiben. Abweichend von seinen bisherigen Metiers organisierte Kurt Neumann in den folgenden Jahren Tourneen für zwei von seiner Frau Mia gegründete Tanzensembles, für das Ballet Variante und das Slavenska-Franklin-Ballet, zudem als Manager der Hol Surok Attraction u. a. für den Texas Boys Choir, die Polish Dance Compagnie, das Moisejew-Tanzensemble sowie für Symphonieorchester aus Israel und aus Frankreich. Kurt Neumann starb am 18. März 1984 in Canoga Park, Kalifornien.
Heinz Trenczak